Vergleiche ja – aber bitte nicht mit jedem

Vergleiche ja – aber bitte nicht mit jedem

Menschen vergleichen sich gern mit anderen Menschen. Mit Kollegen, mit Freunden und Bekannten, aber auch mit Fremden oder Prominenten. Solche Vergleiche können eine Orientierung für das eigene Verhalten, Denken und Fühlen sein, eine Art Richtwert. Sich beispielsweise im Sport oder bei der Arbeit an besonderen Leistungen der anderen zu messen kann Energien freisetzen und motivieren, sich selbst noch mehr anzustrengen. Der Vergleich mit anderen kann inspirieren, kann dem eigenen Leben neue Impulse, neue Ideen geben. Sich permanent mit anderen zu vergleichen, die eigenen Leistungen dabei abzuwerten und andere gar zu glorifizieren kann jedoch genau das Gegenteil bewirken. Man läuft Gefahr, sich zu überfordern, unzufrieden und frustriert zu werden und die Freude an vielen Dingen zu verlieren.

Einige Menschen vergleichen sich fast permanent mit anderen und leiden darunter. Sie sind geradezu besessen von diesen Gedanken und suchen sich die Menschen aus, mit denen sie im Vergleich schlecht abschneiden: „Unsere Nachbarin hat zwei Kinder, dennoch ist sie super schlank, macht Sport, und ich, ich schaff es nicht mal, wenigstens ein paar Kilo zu verlieren“ oder „Ich kenne einen Bekannten, der hat es geschafft, ein super Job, ein teures Auto, ein Haus mit Pool, und ich, ich bin schon wieder krankgeschrieben, ich bin echt unnütz“. Diese Vergleiche sind häufig alles andere als objektiv und können selbstwertschädigend sein! Insbesondere depressive Menschen neigen zu solch einem negativen Denken.

Ich ermutige, hinter die Kulissen zu schauen: keiner kann alles gut, keiner ist in allem gut. Jeder setzt Prioritäten, und der Einsatz in die eine Richtung bedeutet immer einen Verzicht in einem anderen Bereich! Vielleicht verzichtet die benannte Nachbarin beispielsweise oft auf entspannte Treffen mit Freunden oder genussvolles Essen. Vielleicht bekommt sie viel Unterstützung von ihren Eltern oder ihrem Mann bei der Erziehung der Kinder und hat daher Zeit für Sport. Der Bekannte mit dem teuren Auto muss vielleicht viele Überstunden machen in einem Job, der ihn auffrisst. Es gibt unendlich viele Geschichten, die hinter diesem auf den ersten Blick erstrebenswerten Vergleich stehen können. Der Kontext lässt vieles in einem anderen Licht erscheinen und es ist immer eine Frage der eigenen Werte und Maßstäbe.

Ich lade außerdem ein zu einer realistischen Selbsteinschätzung: was bin ich wirklich bereit zu tun, um ein Ziel zu erreichen! Bringe ich überhaupt die nötigen Voraussetzungen mit oder verlange ich Zuviel von mir? Zu jeder Leistung gehört in der Regel Einsatz, Fleiß und Disziplin sowie körperliche und geistige Ressourcen. Ein Sportler zum Beispiel muss in der Regel viele Jahre hart trainieren, um gute Leistungen zu erzielen. Nicht jeder ist bereit, diesen Einsatz auch zu bringen. Manchmal sind es auch eher andere, die so viel von uns verlangen, beispielsweise die Eltern.

Vergleichen sie sich doch mal mit sich selbst! Statt zu schauen, was andere machen und können sollte der Blick auf sich selbst gelenkt werden. Jeder hat eine einzigartige Lebensgeschichte, eine eigene Persönlichkeit, Ressourcen und Möglichkeiten. Wer beispielsweise viele Monate arbeitsunfähig krankgeschrieben war wegen einer Depression oder einer Angststörung und dann wieder arbeiten geht, kann sehr stolz sein. Das Gleiche gilt für jemanden, der fast immer stark übergewichtig war und nun einige Kilo verlieren konnte, auch wenn das Gewicht immer noch im Vergleich mit anderen hoch ist. Jeder hat andere Interessen und Werte. Was für den einen erstrebenswert ist, muss für den anderen noch lange nicht so sein. Der Vergleich mit sich selbst kann heilsam sein und ermöglicht in der Regel einen realistischeren Blick darauf, was möglich ist und was nicht.

Grundsätzlich lohnt es sich also, sich die eigenen Vergleichsprozesse vor Augen zu führen und sich bewusst zu entscheiden, mit wem man sich vergleicht und welche Konsequenzen daraus entstehen können. Und dies immer vor dem Hintergrund einer wertschätzenden Haltung sich selbst gegenüber gemäß der Botschaft: „Genau so, wie ich jetzt bin, genau so, wie ich es jetzt mache, ist es gut!“.